Warum hört man manchen Darstellern zu wenn sie singen – und anderen nicht? oder: Was ist denn? // Gastblog von Annika Bruhns

Annika Bruhns Copyright Karim KhawatmiIn den vielen Jahren des Unterrichtens im Fach ‘Song Interpretation’ mit unzähligen Schülern, mit unterschiedlich vorhandenem oder ausgeprägtem Talent, komme ich immer wieder, viel zu oft, an den gleichen Punkt. Ich muss mir drei Minuten meiner Lebenszeit (oder länger) eine Version eines Songs an”tun”, die weder etwas mit dem Darsteller noch mit seinem Können zu tun hat, sondern schlicht und ergreifend damit, was derjenige glaubt tun zu “müssen”. Dieses ist, in den letzten Jahren, begründet durch zahlloses YouTube Kucken und zu glauben, “Wenn ich nur so wie ??? singe, dann klappt’s garantiert” weit über jede erträgliche Grenze hinaus eskaliert.

Zahllose Beispiele was nicht zu tun ist hier aufzuführen macht keinen Sinn. Jedoch möchte ich hier einen Denkanstoß geben, wie man so etwas vermeidet.

Warum? Was ist denn so wichtig? Warum soll ich Dir zuhören? WAS IST DENN?

Jeder meiner Schüler kann ein Lied davon singen. Aber auch davon, wie es zum Erfolg führt, wenn man diese Frage(n) im Zusammenhang mit dem Gesungenen beantworten kann.

Im Musicaltheater führt, im klassischen Sinne, ein Lied die Geschichte weiter. Entweder als Monolog über das gerade Erlebte, oder als Dialog auf einer gehobenen emotionalen Ebene, oder oder oder. In jedem Fall ertönen die ersten Töne im Anschluss an etwas Geschehenes. Dieses Erlebte, selbst wenn aus dem Zusammenhang gerissen und als Solo interpretiert an einem Konzertabend, ist DAS A und O eines jeden Liedes.

Was ist denn? Warum muss ich jetzt singen?

Die Antwort auf diese Frage sollte mit einem oder maximal drei Worten gesagt sein. Diese Antwort ist im besten Fall eine Emotion. Eine Ein-Wort-Emotion. Etwas anderes kann man nicht spielen.

Erschließe Dir, als Interpret, eine emotionale Reise auf die Du gehst wenn Du singst. Von A – Z. Auch mit Umwegen. Aber immer nur eine Emotion zur Zeit. Schreibe den Text auf als fließenden Text und finde so heraus WO die emotionalen Brüche stattfinden. Manchmal sind die musikalischen Brüche woanders als im Text. Das hat zu 99,9% einen Grund. (Obwohl es auch viele schlechte Songs gibt in denen man viel arbeiten muss, damit es klappt—-)

Aus dem Zusammenhang gerissen hat das Lied trotzdem seine emotionalen Stationen. Wichtig: Nur Leben und Tod ist wichtig. Alles andere ist banal. Würdest Du Dir ein dreiminütiges Lied übers’ Wäsche Aufhängen anhören?

Nach Was ist Denn? kommt Was ist so wichtig?/Warum soll ich Dir zuhören? –  selbst wenn der Text oder die Musik banal erscheint, habe einen Grund zu kämpfen. Um irgendetwas. Wenn es den nicht gibt, erfinde einen. Niemand weiß an was Du denkst – der Zuschauer merkt nur, Du ringst um etwas. Das ist wichtig. Wenn es Dir (lebens-)wichtig ist in dem Moment wird es auch wichtig für den Zuhörer. Und dann hört er Dir zu.

Fazit: Singe nicht wie ???, sondern erkämpfe Dir Deine Notwendigkeit, warum man Dir zuhören soll.


Annika Bruhns ist internationale Musicaldarstellerin, Schauspielerin, Sprecherin und Coach. Mehr Informationen findet ihr unter www.annikabruhns.de und www.abpcoaching.se

Die Bildrechte des Portraits von Annika Bruhns liegen bei Karim Khawatmi.

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