Warum du dich niemals zufrieden geben darfst // Gastblog von Kimberly Vaughn

Kimberly VaughnVerletzlichkeit und Kraft stärken einander in unseren bedeutsameren Arbeiten, sowohl im Unterricht als auch auf der Bühne.

Im Vergleich bleiben körperliches Gehabe, stimmliche Akrobatik und affektiertes Geschichtenerzählen hinter den Erwartungen zurück und erlauben es dem Schauspieler sich zu verstecken, auf Nummer sicher zu gehen.

Manchmal gehen wir so sehr auf Nummer sicher, spielen so versteckt, so geschützt, dass wir uns fast vollständig von unserer Menschlichkeit absondern und schlussendlich weder ansatzweise aufregend sind noch in Erinnerung bleiben.

Wir verstecken uns, weil wir uns nicht wohl fühlen wenn wir verletzlich sind – wenn wir aufrichtig sind. Aufrichtig sein kann unheimlich sein. Sich zu verstecken ist sicherer.

Es fordert viel Mut und Entschlossenheit, verletzlich und komplett ehrlich in Bezug auf den Inhalt der Liedtexte und des Librettos auf einer tiefen, persönlichen Ebene zu sein.

Wie fühlt es sich zum Beispiel an wenn es verboten ist, die Liebe deines Lebens zu sehen, mit ihr Zeit zu verbringen, mit ihr zusammenzuleben und zu heiraten? Es ist die Verantwortung des Schauspielers, soviel freizulegen bis das eigene emotionale Verständnis dieser „Gefangenschaft“ erfahren und im Moment gelebt wird.

Und wenn wir dies wissen, ist die nächste Frage: Wie oft und stetig fordern wir uns selbst dazu auf, der Rolle bei Vorsprechen und Aufführungen unsere persönliche Geschichte einzuhauchen?

Es ist ein Privileg, eine Bühne betreten zu dürfen, unbestreitbar ist dies bei der Broadway-Bühne.

Es ist zwingend erforderlich, uns dauerhaft dazu herauszufordern, dreidimensionale Geschichtenerzähler zu sein.

Schlussendlich ist es die Aufgabe eines Schauspielers, sich niemals mit “fast” zufrieden zu geben! Alles, was nicht zutiefst menschlich ist, ist inakzeptabel.

Bereit zu sein für deine Überzeugungen, deine Familie oder deinen Geliebten zu sterben, bedeutet zutiefst verletzlich zu sein und diese Verletzlichkeit hat Kraft inne.

Zu versuchen, seine Kraft zu erreichen ohne den Zugang zur eigenen Verletzlichkeit zu suchen heißt auf Nummer sicher zu gehen und führt oft zu zweidimensionalem Geschichtenerzählen.

Als Geschichtenerzähler besteht unsere Reise nicht darin, auf Nummer sicher zu gehen. Stattdessen bedeutet sie, Risiken einzugehen und es zu wagen, die eigene Komfortzone zu verlassen. Wenn wir uns dazu entscheiden, tief zu graben, freizulegen und zu zeigen, was wir bei uns tragen (unsere persönliche Geschichte), sind wir mit einem Mal einzigartig und unsere Reise ist unsere eigene anstelle einer vorhersehbaren Variation derer, die vor uns kamen.

Und plötzlich wird es konkurrenzlos, da niemand zuvor unsere besondere Geschichte erlebt hat außer uns. Wir müssen danach streben, mit unserer eigenen Geschichte verbunden zu sein – für uns selbst und für unser Publikum. Dort liegt unsere Arbeit. Dies ist unsere heilige Aufgabe als Schauspieler.

Seid stolz auf das, was ihr erreicht habt und fordert euch immer dazu heraus, von nun an menschlich, verletzlich und präsent in eurer Arbeit zu sein. Darin liegt eure authentische Kraft.

Auf euren Erfolg!


KIMBERLY VAUGHN (Dozentin, Regisseurin, Autorin, Produzentin, Darstellerin)

Kimberly Vaughn ist die Gründerin und künstlerische Leiterin des Kimberly Vaughn Performance Studio in New York City. Dort wird Gruppen- und Einzelunterricht in Musical Audition Technik sowie Monolog- und Szenenanalyse und -interpretation angeboten. Kimberly leitet außerdem Masterclasses mit führenden Castingdirektoren und Agenten.

Hier eine Auswahl ihrer künstlerischen Tätigkeiten: Lehrkörper: Gastdozentin in der Circle in the Square Theater School; Regie: The Sea Horse (u.a.);  Produktion: Marlene (nominiert für den Tony Award); Darstellerin: Constance Wilde in Dear Oscar am Broadway; Buch: CANADA, the musical. Kimberly ist Mitglied bei The Dramatists Guild, Stage Directors and Choreographers, AEA und SAG-AFTRA (u.a.).

Wenn du mehr über Kimberly erfahren willst, besuche ihre Website oder schicke ihr eine Email (englisch). Erfahre mehr über CANADA auf lordtommusical.com.


Die englische Originalfassung des Gastblogs findet ihr hier. Deutsche Übersetzung von Svenja Isabel Baumann.

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