Ist der Job des Musicaldarstellers das Richtige für dich? oder: Brauchst du Applaus zum Atmen?

ApplausIm November haben wir darüber gesprochen, was du alles tun musst, bevor du überhaupt über Repertoire für die Aufnahmeprüfungen nachdenken kannst. Allein das Organisatorische ist schon ein Haufen Arbeit. Deshalb solltest du vor dem ganzen Bewerbungsprozess in dich gehen, und dich fragen, ob du das Zeug hast, diese Karriereentscheidung durchzuziehen oder ob es für dich ein Hobby bleiben sollte.

Damit spreche ich (in diesem Fall) erstmal gar nicht von deiner fachlichen Qualifikation. Von mir aus kannst du bis zum hohen C belten und fünf Pirouetten drehen, aber ohne die richtige Einstellung wirst du den Job nicht lange durchhalten.

Keine Sorge, ich will dir nichts Böses, ich möchte nur, dass du weißt, worauf du dich einlässt. Man muss sich einfach im Klaren darüber sein, dass man für die Kunst gewisse Opfer bringen muss. Und je früher du dir das klar machst, desto besser.

Die Konkurrenz ist groß und du wirst dich immer wieder aufs Neue beweisen müssen. Gerade weibliche Darsteller gibt es wie Sand am Meer. (Ich war einmal bei einer Audition für Spamalot, bei der fürs Ensemble vier Herren und drei Damen gesucht wurden. Es waren insgesamt knapp 60 Bewerber da, davon waren etwa 45 weiblich.) Rein mathematisch gesehen hat man als Mann also vielleicht bessere Chancen, das heißt aber nicht, dass das Niveau niedriger ist. Und Mathematik spielt bei den Auditions auch wirklich keine Rolle. 😉

Egal ob du schon lange in dem Job bist oder nicht, du wirst immer wieder zu Vorsingen gehen müssen und alle Engagements sind zeitlich befristet. Selbst wenn du das Glück hast, einen Jahresvertrag zu ergattern, musst du dich danach trotzdem wieder und wieder bewerben. Allein dieser Prozess der Ungewissheit kann an den Nerven zehren. Und allein die Tatsache, dass du einen Ausbildungsplatz bekommen hast, garantiert dir leider kein Anschlussengagement.

Manche Darsteller haben die Möglichkeit einen festen Wohnort zu halten und diesen nur für Probenzeiten oder Sommertheaterjobs zu verlassen. Andere bekommen einen heiß begehrten Jahresvertrag an einem Staatstheater oder bei einem En-Suite-Musical und müssen dafür gegebenenfalls ihre persönliche Situation überdenken. Wenn du ein absoluter Familienmensch bist und früh Kinder haben willst, wirst du einen Kompromiss schließen müssen. (Ich weiß, das ist keine Entscheidung die du jetzt sofort treffen musst, aber sie wird früher oder später auf dich zukommen.)

Willst du ausschließlich Musicals spielen oder bist du auch bereit, Regieassistenzen anzunehmen? Kannst du dir auch vorstellen, Sprecher zu werden? Willst du ausschließlich auf die Bühne oder kannst du dir auch vorstellen, vor der Kamera zu stehen? Ist unterrichten für dich eine Option? Hättest du ein Problem damit, dich zwischenzeitlich mit Aushilfsjobs und Arbeitslosengeld über Wasser zu halten? Denn klar ist, dass du in der Zeit zwischen Engagements auch deine Rechnungen zahlen musst.

Okay, jetzt aber Schluss mit dem negativenTinkerbell Gerede. 😉 Wenn dein Herz wirklich für das Theater schlägt, dann wird es dir all das auch wert sein! Denn wenn du auf der Bühne stehst und dich dort absolut frei fühlst und es für dich nichts Vergleichbares gibt, dann wirst du deinen Weg dorthin auch finden! Denn wir sind schließlich alle ein bißchen wie Tinkerbell, wir brauchen den Applaus zum Atmen!

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