Erwartungen sind der Hauptgrund für Enttäuschungen

ErwartungenDies ist zwar kein Selbsthilfeblog, aber habe einen Moment Geduld mit mir. Denke bitte an all die Momente in deinem Leben, in denen du enttäuscht warst. In wievielen Fällen wurde die Enttäuschung durch unrealistische Erwartungen verursacht?

Hast du jemals erwartet, dass dich jemand so behandelt, wie du ihn behandeln würdest, und er hat es nicht getan? Hast du jemals erwartet, dass dich jemand so liebt wie du bist und er hat es nicht getan? All die Tagträume, von denen du sicher warst, dass sie wahr werden würden und – du hast es schon erraten – sie wurden es nicht?

Bist du andererseits schonmal jemandem begegnet und hast automatisch erwartet, dass er dich nicht mag und genau das ist auch passiert? Wirst du immer und immer wieder von derselben Person verletzt?

Wenn etwas davon auf dich zutrifft, sei nicht so hart zu dir selbst, all dies sind Zeichen deiner Menschlichkeit. Aber sie erfordern auch, dass du umdenkst. Das klingt vielleicht einfacher gesagt als getan und ja, in der Tat gibt es wenig, das schwieriger ist. Ganz ehrlich, es hat bei mir Jahre gedauert, viel länger als meine Ausbildung.

Meiner Meinung nach hat die Lösung zwei Bestandteile: Einerseits solltest du deine Erwartungen durch Hoffnung und harte Arbeit ersetzen. Andererseits solltest du keinen sich selbsterfüllenden Prophezeiungen zum Opfer fallen!

Und warum erzähle ich das alles? Weil es auch für Auditions relevant ist!

Ersetze Erwartungen durch Hoffnung

Meine Annahme ist: Hoffnung ist mit Wertschätzung verbunden.

Wenn du etwas erwartest, dann wirst du es nicht zu schätzen wissen, wenn es passiert. Um bei meinem romantischen Beispiel zu bleiben, wirst du eine Beziehung nicht schätzen, wenn du einfach erwartest, dass sie zustande kommt. Und du wirst deinen Partner nicht schätzen, wenn du einfach erwartest, dass er für dich da ist. Du wirst außerdem nicht dein Herzblut in die Beziehung stecken. Verstehst du?

Dasselbe gilt für Auditions. Wenn du erwartest, dass eine Schule dich aufnimmt, wirst du die Ausbildung nicht zu schätzen wissen, sobald sie beginnt. Und du wirst dir während der Audition-Vorbereitungen nicht den A**** aufreißen. Wenn sie dich nicht nehmen, kann es sein, dass du am Ende schockiert und ohne Alternativen dastehst.

Wenn du jedoch auf einen Platz hoffst, kann dich eine Absage noch starker für die nächste Aufnahmeprüfung motivieren. Ja, es wird wehtun, aber ein Teil von dir war auch auf die Zurückweisung vorbereitet. Und dieser Prozess alleine wird dich schon bereichern.

Sich selbsterfüllende Prophezeiungen

Wenn du erwartest, dass du scheiterst, wirst du dies auch tun! Ganz einfach!

Steh dir mit diesen negativen Gedanken nicht selbst im Weg! Sie werden nicht nur deine Darbietung bei der Audition beeinflussen, sondern auch wie dich das Komitee sieht.

Um The Audition Rep Matchmaker zu zitieren, “Vielleicht schaut dich der Castingdirektor nicht an, weil du unbewusst nicht angesehen werden willst.”

Vielleicht liegt es an den Spiegelneuronen oder vielleicht wird der Castingdirektor – unbewusst – wegsehen, weil er den Eindruck hat, dass du das gerade brauchst.

Aber Mooooooooment mal! Du WILLST aufgenommen werden! Du WILLST erfolgreich sein! Und ja, damit das passiert, WILLST du, dass das Komitee dich ansieht!

Also: erwarte nicht, dass alles schiefläuft, sondern akzeptiere die Tatsache, dass du nicht alles unter Kontrolle haben kannst. Stattdessen solltest du dich auf alles vorbereiten, dass du kontrollieren kannst und das Universum den Rest übernehmen lassen. 😉

Keine Panik vor der Improvisation

ImproImprovisieren? Ich? Neee, sowas muss man doch bei Auditions nicht machen!

Denk nochmal drüber nach, denn die Möglichkeit besteht. 😉 Hier ein paar Beispiele aus dem echten Leben, die ich (oder Kollegen von mir) wirklich erlebt haben:

„Ja, uns gefiel dein Lied, aber könntest du es noch einmal singen und dir dabei vorstellen, dass du ein kleiner Junge bist, der über einen gefrorenen Teich schlittert?“

„Bitte spiel die Szene noch einmal, aber diesmal wird dein linker Schuh versuchen, dich zu unterbrechen!“

Klingt komisch? Ist aber so, denn wenn es uns passiert ist, kann es dir genau so ergehen. 😉

OH MEIN GOTT, warum würden die mir so etwas antun?

Beruhige dich und (wie immer): keine Panik! Die Castingverantwortlichen (das heißt deine potenziellen Lehrer) wollen dir nur die Chance geben zu zeigen, wie kreativ du bist, und dir helfen, weniger verkopft zu sein. Sie möchten herausfinden, ob sie mit dir arbeiten können und wie du auf Regieanweisungen reagierst.

Denk mal drüber nach, wenn du einen Schüler für deine Musicalschule in Betracht ziehen müsstest, dann würdest du doch auch jemanden wollen, den du noch formen kannst und niemanden der in seinem Trott feststeckt, oder?

In Wirklichkeit tun sie es dir also nicht AN, sie tun es FÜR dich. So kannst du ihnen dein Talent noch einmal von einer ganz anderen Seite zeigen, also nutze die Chance!

Erinnere dich auch wieder (und wieder) daran, dass sie von dir nicht erwarten, dass du perfekt bist, sondern dass du dich anstrengst! Drum sei mutig und ziehe deine Entscheidungen durch!

Okay, das verstehe ich, aber wie bereite ich mich darauf vor?

Natürlich kannst du dich nicht auf ALLE Szenarien vorbereiten, die sie vorschlagen könnten, denn es gibt unendlich viele. 😉 Aber keine Angst, es gibt (mindestens…) zwei Wege, deine Improqualitäten zu verbessern.

Einerseits kannst du einen Impro-Kurs belegen. Ich wette, dass es auch in deiner Gegend eine Gruppe gibt, die sich regelmäßig trifft. Dort lernst du Impro-Spiele, die deine kreativen Kanäle freispülen. Es wird dir dabei helfen, deine Impulse nicht zu unterdrücken und beim Vorsingen flexibel zu bleiben. Selbst wenn du bei der Aufnahmeprüfung NICHT improvisieren musst, wird es sich trotzdem positiv auf dein Repertoire auswirken.

Andererseits kann man auch mit Kindern arbeiten oder spielen. Warum? Weil die Vorstellungskraft von Kindern uneingeschränkt ist. Ich denke, dass es daran liegt, dass Kinder sich nicht immer an gesellschaftliche Konventionen halten. Und wenn sie ein Spiel spielen, dann ist es egal ob Schweine in Wirklichkeit auch fliegen können. Alles ist möglich! Mit Kindern Zeit zu verbringen wird dir dabei helfen, diesen Ort in dir selbst wiederzufinden und vielleicht hast du ja sogar Spaß dabei. 😉

Und was jetzt?

Worauf wartest du noch? Such dir eine Impro-Gruppe und Kinder zum Spielen! (Und nein, das ist kein Ratschlag, wildfremde Kinder auf dem Spielplatz anzusprechen. :-p)

Nur wer wagt, der gewinnt

I can’t really explain it, I haven’t got the words
It’s a feeling that you can’t control
I suppose it’s like forgetting, losing who you are
And at the same time, something makes you whole“
– „Electricity“ aus Billy Elliot

Ich war vergangene Woche im Kino und habe mir La La Land angesehen. Ich möchte jetzt aber gar nicht über die Vorzüge des Filmes sprechen, ich möchte euch nahelegen, welchen Effekt der Film auf mich hatte:

Es gab eine Szene (keine Sorge, ich werde euch nicht spoilern ;-)), in der ich ganz vergaß, dass ich im Kino saß. Erst als die Szene vorbei war, bemerkte ich wieder die Menschen um mich herum. Bei einer anderen Szene wollte ich voller Begeisterung laut klatschen, weil ich auch hier vergessen hatte, dass die Darbietung nicht live stattfand.

Das ist doch genau der Effekt, den wir auf das Publikum haben wollen, oder nicht? Wir wollen, dass das Publikum die Welt um sich herum vergisst. Wir wollen sie in unseren Bann ziehen. Aber wie genau macht man das? Gibt es ein Rezept? Jein!

Natürlich brauch man das notwendige Talent und Handwerk, aber man braucht auch Vertrauen. Nicht nur Vertrauen in sich selbst und seine Mitspieler, sondern auch Vertrauen darin, dass alles gut sein wird, wenn ihr den Knoten platzen lasst.

Und wenn man dann aufhört, so verkopft zu sein und die Dinge ihren Lauf gehen lässt, dann spürt man dieses Gefühl. Es gibt viele Worte um dieses Gefühl zu beschreiben. Man ist verletzlich und das macht einen stark. Man ist wütend, zornig, man kämpft ums nackte Überleben… und man fühlt sich übermenschlich. Und bei jedem fühlt es sich ein bißchen anders an. Doch dieses Gefühl stellt sich nur ein, wenn man bereit ist, etwas preiszugeben.

Es ist wie in der Liebe, nur wer wagt, der gewinnt. Wenn man nichts riskiert, kann einem niemand weh tun, aber wenn man eine Mauer um sich herum baut, kann man auch niemanden erreichen. Wenn man aber etwas wagt, riskiert man, zutiefst verletzt zu werden. Man riskiert aber auch das große Glück.

Man könnte jetzt mit der Vernunft argumentieren (und ja, letzte Woche haben wir auch darüber gesprochen, vernünftige Entscheidungen zu treffen), aber im Leben wie auf der Bühne muss man auch lernen, auf seinen Bauch zu hören.

Darum bitte ich euch: vertraut euren Instinkten und macht euch frei von den vermeintlichen Erwartungen anderer, denn nur dann könnt IHR wirklich frei sein. Und DANN passiert die Magie.

Ist der Job des Musicaldarstellers das Richtige für dich? oder: Brauchst du Applaus zum Atmen?

ApplausIm November haben wir darüber gesprochen, was du alles tun musst, bevor du überhaupt über Repertoire für die Aufnahmeprüfungen nachdenken kannst. Allein das Organisatorische ist schon ein Haufen Arbeit. Deshalb solltest du vor dem ganzen Bewerbungsprozess in dich gehen, und dich fragen, ob du das Zeug hast, diese Karriereentscheidung durchzuziehen oder ob es für dich ein Hobby bleiben sollte.

Damit spreche ich (in diesem Fall) erstmal gar nicht von deiner fachlichen Qualifikation. Von mir aus kannst du bis zum hohen C belten und fünf Pirouetten drehen, aber ohne die richtige Einstellung wirst du den Job nicht lange durchhalten.

Keine Sorge, ich will dir nichts Böses, ich möchte nur, dass du weißt, worauf du dich einlässt. Man muss sich einfach im Klaren darüber sein, dass man für die Kunst gewisse Opfer bringen muss. Und je früher du dir das klar machst, desto besser.

Die Konkurrenz ist groß und du wirst dich immer wieder aufs Neue beweisen müssen. Gerade weibliche Darsteller gibt es wie Sand am Meer. (Ich war einmal bei einer Audition für Spamalot, bei der fürs Ensemble vier Herren und drei Damen gesucht wurden. Es waren insgesamt knapp 60 Bewerber da, davon waren etwa 45 weiblich.) Rein mathematisch gesehen hat man als Mann also vielleicht bessere Chancen, das heißt aber nicht, dass das Niveau niedriger ist. Und Mathematik spielt bei den Auditions auch wirklich keine Rolle. 😉

Egal ob du schon lange in dem Job bist oder nicht, du wirst immer wieder zu Vorsingen gehen müssen und alle Engagements sind zeitlich befristet. Selbst wenn du das Glück hast, einen Jahresvertrag zu ergattern, musst du dich danach trotzdem wieder und wieder bewerben. Allein dieser Prozess der Ungewissheit kann an den Nerven zehren. Und allein die Tatsache, dass du einen Ausbildungsplatz bekommen hast, garantiert dir leider kein Anschlussengagement.

Manche Darsteller haben die Möglichkeit einen festen Wohnort zu halten und diesen nur für Probenzeiten oder Sommertheaterjobs zu verlassen. Andere bekommen einen heiß begehrten Jahresvertrag an einem Staatstheater oder bei einem En-Suite-Musical und müssen dafür gegebenenfalls ihre persönliche Situation überdenken. Wenn du ein absoluter Familienmensch bist und früh Kinder haben willst, wirst du einen Kompromiss schließen müssen. (Ich weiß, das ist keine Entscheidung die du jetzt sofort treffen musst, aber sie wird früher oder später auf dich zukommen.)

Willst du ausschließlich Musicals spielen oder bist du auch bereit, Regieassistenzen anzunehmen? Kannst du dir auch vorstellen, Sprecher zu werden? Willst du ausschließlich auf die Bühne oder kannst du dir auch vorstellen, vor der Kamera zu stehen? Ist unterrichten für dich eine Option? Hättest du ein Problem damit, dich zwischenzeitlich mit Aushilfsjobs und Arbeitslosengeld über Wasser zu halten? Denn klar ist, dass du in der Zeit zwischen Engagements auch deine Rechnungen zahlen musst.

Okay, jetzt aber Schluss mit dem negativenTinkerbell Gerede. 😉 Wenn dein Herz wirklich für das Theater schlägt, dann wird es dir all das auch wert sein! Denn wenn du auf der Bühne stehst und dich dort absolut frei fühlst und es für dich nichts Vergleichbares gibt, dann wirst du deinen Weg dorthin auch finden! Denn wir sind schließlich alle ein bißchen wie Tinkerbell, wir brauchen den Applaus zum Atmen!